Dr. Carl Paul

Missionsdirektor von 1911 bis 1923

Carl Paul wurde am 4. Februar 1857 als Pfarrerssohn in Lorenzkirch geboren. Er studierte Theologie in Tübingen und Leipzig. Bei seiner Ernennung 1911 war er der erste Missionsdirektor aus der sächsischen Landeskirche und ein bereits anerkannter Missionswissenschaftler.
Schon ein Jahr nach seinem Amtsantritt wurde Paul zum ordentlichen Honorarprofessor für neuere Missionsgeschichte und Missionskunde an der Universität Leipzig berufen. Seine Antrittsvorlesung hielt er über den „Anteil der Heidenmission an der Lösung des Schulproblems in unseren Kolonien“. Die Universität ehrte ihn mit der Verleihung der Ehrendoktorwürde.

Schon in seiner Zeit als Gemeindepfarrer in Rothschönberg von 1884 bis 1887 beschäftigte ihn der Gedanke der Weltmission. In den zwei Jahren als Studieninspektor des Predigerkollegs St. Pauli in Leipzig von 1882 bis 1884 entwickelte sich sein Interesse weiter. Er war fasziniert von dem Gedanken einer weltumspannenden Christenheit. In Rothschönberg gründete Paul einen Missionskreis für den Kirchenbezirk Meißen, der wiederum die Grundlage für die 1887 entstandene „Sächsische Missionskonferenz“ bildete. Für die Chronik des Jahrbuchs dieser Konferenz war er bis 1911 verantwortlich. Bedeutsam in seiner anschließenden Lorenzkircher Zeit war sein literarisches Schaffen. Seit 1887 gab Carl Paul die „Missionsstunden von Dietel“ und die vier Schriften „Zur Mission in den deutschen Kolonien“ heraus. Heute müssen allerdings manche seiner Beiträge im „Deutschen Kolonialblatt“ kritisch gelesen werden, weil er als „Kind seiner Zeit“ auch vom Zeitgeist nicht ganz verschont blieb.

Angestoßen durch seine Reisen nach Indien und Ostafrika erschien 1913 „Die Leipziger Mission daheim und draußen“. Sein Stellverteter August Cordes schreibt im Nachruf: „Von D. Pauls Direktoratsjahren können nur die ersten drei als Normaljahre gelten. Die übrigen neun fielen in die Kriegs- und Nachkriegszeit, waren ausgefüllt von Heimsuchungen schwerster Art. Was D. Paul in jenen Jahren gelitten hat, lässt sich kaum ermessen. Aber er hat tapfer durchgehalten.“

Die schon vor dem Ersten Weltkrieg bestehenden Verbindungen Pauls zu den amerikanischen Synoden, die finanziell der Leipziger Mission wohl gesonnen waren, haben 1919 zu einem Besuch einer amerikanischen Kirchendelegation in Leipzig geführt. Anlässlich dieses Besuchs wurde der Plan gefasst, 1920 eine lutherische Missionskonferenz nach Leipzig einzuberufen. Die Konferenz von 1920 wurde insofern ein Erfolg, als es gelang, alle deutschen Missionsdirektoren einzubeziehen, darüber hinaus nahmen amerikanische und finnische Vertreter teil.

In dieser Konferenz tauchte der Gedanke auf, weitere Zusammenkünfte der lutherischen Missionen und der lutherischen Kirchen zu veranstalten, woraus 1923 der erste lutherische Weltkonvent in Eisenach entstand. Leipzig übernahm die Federführung für weitere Konferenzen dieser Art. Carl Paul ist zwar nicht der Begründer des heutigen „Lutherischen Weltbundes“, aber durch seine Mitwirkung und Initiative ist es gelungen, den Grundstein für diese Weltvereinigung zu legen.

Am 30. September 1923 legte Paul sein Amt als Missionsdirektor nieder. Er vertrat den Standpunkt, dass die neue Zeit mit ihren so stark veränderten Verhältnissen in der Heimat wie auf den Missionsfeldern draußen einer jüngeren, elastischeren Kraft im Direktorat bedürfte. Im Sommersemester 1926, im Alter von 69 Jahren, verabschiedete er sich auch von seinem Lehramt an der Universität Leipzig.

Carl Paul starb am 10. Oktober 1927 nach kurzer, schwerer Krankheit an einem Schlaganfall in Schweta bei Oschatz und wurde auf dem Kirchhof in Lorenzkirch bestattet.

 

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