Dr. Karl Friedrich Leberecht Graul

Missionsdirektor von 1844 bis 1859

Karl Graul wurde am 6. Februar 1814 als Sohn eines Webermeisters in Wörlitz (Anhalt) geboren. Er besuchte das Gymnasium in Dessau und kam 1834 zum Theologiestudium nach Leipzig. Nach seinem Abschluss 1838 arbeitete er als Haus- und Institutslehrer, unter anderem zwei Jahr in Italien. Prinzessin Agnes von Anhalt (später regierende Herzogin von Sachsen-Altenburg) unterrichtete er im Italienischen. 1844 wurde Graul zum Direktor der Evangelisch-Lutherischen Missionsgesellschaft zu Dresden (Dresdner Mission) berufen.

„Die sächsischen Oberkirchenbehörden waren damals der Missionssache nicht eben zugethan, doch ließ sich der Oberhofprediger in dem unerläßlichen Colloquium durch das glänzende Latein und durch die Geistesgegenwart des Candidaten imponiren. Die Mission aus dem Halbdunkel sentimentaler Gläubigkeit zur Mittagshelle gläubiger Wissenschaftlichkeit hinzuführen, sie aus dem Hinterstübchen der Pfarrhäuser in die Kirchen, aus den Conventikeln in die Gemeinden zu verpflanzen - das war die Lebensaufgabe, die er sich fortan stellte, und er hat dies Ziel erreicht.“, ist im Nachruf der „Illustrirten Zeitung" vom Dezember 1864 zu lesen.
Graul stand für eine enge Bindung der Mission an das Lutherische Bekenntnis. Ab 1846 gab er das evangelisch-lutherische Missionsblatt heraus, das als „geradezu epochemachend auf seinem Gebiete“ gilt.

Entsprechend hoch waren seine Ansprüche an die zukünftigen Missionare. Für ihn kamen nur ordinierte Theologen mit hinreichenden Kenntnissen der lokalen Sprachen in Frage. Er legte wert auf eine theologisch, sprachlich und volkskundlich gründliche Ausbildung der Missionare. Graul verlangte Verständnis für nationale Eigentümlichkeiten und Sitten, eine „liebende Hingabe an Geist und Sprache der Völker“. Wichtig waren ihm die lutherische Profilierung sowie eine wahrhaftige und sachliche Berichterstattung. Der in Missionskreisen übliche erbauliche Stil war ihm zuwider. Deshalb trieb Graul auch die Verlegung der Dresdener Missionsgesellschaft nach Leipzig voran, die 1847 auch beschlossen wurde. Die Theologische Fakultät der Universität Leipzig galt derzeit als der geistige Mittelpunkt des Luthertums in Deutschland.

Graul selber war außerordentlich sprachbegabt und beherrschte neben den klassischen Sprachen Latein, Griechisch, Hebräisch auch Italienisch, Französisch, Englisch sowie Tamil, Persisch, Sanskrit und Hindustani. Während seines eigenen vierjährigen Aufenthalts in Südindien (1849 bis 1853) setzte er sich intensiv mit der indischen Kultur auseinander. In diese Zeit fallen auch die ersten Auseinandersetzungen im sogenannten „Kastenstreit“ und den Spannungen zu anderen protestantischen Missionsgesellschaften.

Mit Unterstützung durch Friedrich Wilhelm Besser - Graul war inzwischen durch Krankheit gezeichnet - verfasste er im Nachgang Werke in Tamil und übersetzte mehrere Texte ins Deutsche, und schrieb eine tamulische Grammatik. Von der „Bibliotheca Tamulica“ konnte Graul vier Bände abschließen. Mit seinen Kenntnissen galt er als einer der bedeutendsten deutschen Dravidologen (Indologen) des 19. Jahrhunderts.

Unter seiner 18-jährigen Leitung vermehrten sich die Einnahmen der Mission um das Zehnfache. Aus einer sächsischen Gesellschaft war ein gemeinsames Missionswerk aller lutherischen Länder und Kirchen entstanden.
Ostern 1860 übergab Graul sein Amt an Julius Hardeland und zog 1861 nach Erlangen. Die dortige Theologische Fakultät hatte ihm bereits 1854 die theologische Doktorwürde verliehen. Als erster Deutscher habilitierte sich Graul 1864 mit der Schrift „Über Stellung und Bedeutung der Mission im Ganzen der Universitätswissenschaften“. Durch seine Dozententätigkeit in diesem Bereich gilt er als Begründer der neueren deutschen Missionswissenschaft.
Seine öffentliche Habilitationsvorlesung  im Juni 1864 sollte aber zugleich sein Abschiedswort sein. Er verstarb am 10. November 1864. Seine Bücher vermachte er der Bibliothek in Tranquebar.

Seine missionstheologischen Grundaussagen sind heute noch gültig und verraten seine biblische Basis und seinen Weitblick: Er wollte „Mission zur Sache der ganzen Kirche“, nicht nur einzelner Missionsfreunde machen; die kulturelle Identität der Völker erhalten und selbständige einheimische Kirchen aufbauen.

 

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