Kolonialismus

„Denkt daran, dass ihr dem Reich Gottes und nicht dem Kaiserreich dient.“

Wie verhalten sich Mission und Kolonialismus zueinander? Hat sie die Seelen kolonisiert und die Einwohner in den Kolonien gelehrt, der neuen Obrigkeit Gehorsam zu leisten? Sicher gibt es dafür genügend unschöne Beispiel, allerdings hat die Leipziger Mission durchaus kolonialkritisch gearbeitet.

Carl Paul, Direktor von 1911 bis 1923, schreibt 1914 im Buch „Die Leipziger Mission daheim und draußen“:  „Vielen Europäern ist es ein Dorn im Auge, dass der Missionar häufig als Verteidiger der Eingeborenen auftritt. Unsere Missionare haben das bei Behandlung der Arbeiterfrage getan und zuletzt bei der Sperrung des Dschaggalandes gegen den Zuzug weißer Kolonisten. Dass dieses Eintreten für die Interessen der Eingeborenen manchen Kolonisten lästig ist, kann man verstehen; denn es wird damit dem Herrenmenschentum und der rücksichtslosen Ausnutzung des Landes und Volkes eine Schranke gezogen. […] Ein solcher Verteidiger sieht sich um des Gewissens willen genötigt, seine Stimme zu erheben, mag sie nun gern gehört werden oder nicht, solange nicht überall vertrauenswürdige Eingeborenen-Kommissare bestellt sind oder die Rechtslage der Farbigen auf andere Weise sichergestellt ist.“

Direktor Paul kritisiert die einseitige Berichterstattung der Medien: „Leider nehmen die in Deutsch-Ostafrika erscheinenden Zeitungen noch immer in einseitiger Weise Partei für die Ansiedler. Es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis in diesen Organen der öffentlichen Meinung auch die berechtigten Interessen der Eingeborenen ihre Vertretung finden.“ Damit reflektiert er die brisante Fragestellung des gleichberechtigten Zugangs der Benachteiligten zur öffentlichen Meinungsbildung.

Bei der Neugründung von Missionsstationen ging die Leipziger Mission sehr bewusst vor: „Die evangelische Mission hat es nicht gern, zugleich mit der militärischen Besetzung des Landes sich irgendwo niederzulassen. Es liegt die Missdeutung seitens der Eingeborenen gar zu nahe, dass Schwert und Kreuz miteinander im Bunde stehen, das Land zu erobern.“ Durch die getrennte Lage sollte deutlich werden, „dass die Missionsstation und die Militärstation zwei verschiedenen Herren dienen.“ So zogen die ersten Leipziger Missionare beispielsweise nicht nach Moshi, sondern nach Madschame, weil in Moshi die Militärstation ausgebaut wurde.

Carl Paul sieht eine „grundsätzliche Verschiedenheit“ von Mission und Kolonialismus, die zu offenen Konflikten führt. Auf dem Höhepunkt deutschen Nationalstolzes am Vorabend des Ersten Weltkrieges prangert er 1913 die koloniale Ausbeutung an: „Die Kolonialpolitik ist in ihrer Reinkultur eine ausgesprochene Egoistin. […] Das Mutterland will von den Kolonien zehren, sich auf deren Kosten bereichern. Die Mission stellt sich in einen ausgesprochenen Gegensatz zu solchen egoistischen Bestrebungen. Sie will aus den Kolonien für sich nichts holen; sie will etwas, und zwar ein hohes Gut, in die überseeischen Gebiete hinaustragen.“ Wenn Mission und Kolonialpolitik sich begegnen, „geraten sie leicht in eine gewisse Gegnerstellung, zumal wenn die Kolonisatoren jenen selbstsüchtigen Standpunkt mit aller Schärfe und Rücksichtslosigkeit geltend machen. Da sieht sich die Mission unversehens in die Rolle des Anwalts der Eingeborenen gedrängt, die sie nicht vergewaltigen lassen will. So kommt es zur Gegnerschaft zwischen beiden. Wir haben diesen Vorgang in den letzten Jahrzehnten wiederholt erlebt.“

Waren Mission und Kolonialismus zwei Seiten einer Medaille? 1893 gab Karl von Schwartz den ersten nach Ostafrika entsandten Missionaren die Weisung mit: "Denkt daran, dass ihr dem Reich Gottes und nicht dem Kaiserreich dient."