Bruno Gutmann

geb.1876 , gest.1966

Bruno Gutmann, am 4. Juli 1876 in Dresden geboren, wuchs nach dem Tod seiner Mutter bei seinen Großeltern auf. Seine Kindheit war geprägt von Armut und früher Verantwortung. Nach einer Lehre in der örtlichen Verwaltung trat Gutmann 1895 in das Leipziger Missionsseminar ein, wo er bis 1901 Theologie studierte und sich auf einen Einsatz in der Mission vorbereitete. In dieser Zeit wurde Gutmann vor allem von Wilhelm Wundt, dem Leipziger Professor für Philosophie und Psychologie, Karl Graul, dem Direktor der Leipziger Mission von 1844 bis 1860 und den Gedanken der religiösen Sozialisten beeinflusst.

Einem einjährigen Vikariat in Vohenstrauß (Bayern) folgte 1902 die Ordination und – obwohl er sich auf einen Dienst in Indien vorbereitet hatte – die Abordnung nach Ostafrika. Nach seiner Ankunft in der deutschen Kolonie am 9. August 1902 wurde er zur Einarbeitung dem Missionar Gerhard Althaus zugeordnet, der die Station Mamba gegründet hatte. Nach zwei Jahren in Madschame (heute Machame) begann er mit dem Aufbau einer neuen Station in Masama. Neben seinen Aufgaben als Missionar erforscht Bruno Gutmann die Kultur und Lebensweise der Wachagga, studierte ihre Sprache und war ein parteilicher Streiter für ihre Rechte gegenüber der kolonialen Regierung. 

1908 musste Gutmann krankheitsbedingt für ein Jahr nach Deutschland zurückkehren. Vor seiner Rückkehr nach Masama heiratete er 1909 Elisabeth Förster.

Ab 1910 wirkte Gutmann in der Missionsstation Old Moshi (heute Kidia) und blieb dort mit Unterbrechungen bis 1920, als die deutschen Missionare aufgrund der Bestimmungen des Versailler Vertrages durch die britische Kolonialverwaltung aus „Tanganyika Territory“ ausgewiesen wurden. Ab 1926 war er - unterbrochen durch einen kurzen Heimaturlaub - bis 1930 wieder in Old Moshi tätig. 

Ehrungen

  • 1924 Ehrendoktorwürde der Theologischen Fakultät der Universität Erlangen
  • 1926 Ehrendoktorwürde der Juristischen Fakultät der Universität Würzburg 

Wichtige Werke

Dichten und Denken der Dschagganeger. Beiträge zur ostafrikanischen Volkskunde. Verlag der Evangelisch-lutherischen Mission, Leipzig 1909. 

Briefe aus Afrika. Verlag der Evangelisch-lutherischen Mission, Leipzig 1925. 

Das Recht der Dschagga. Verlag Beck, München 1926. 

Die Stammeslehren der Dschagga. 3 Bände: Verlag Beck, München. Band 1 1932, Band 2 1935, Band 3 1938. 

Afrikaner - Europäer in nächstenschaftlicher Entsprechung. Gesammelte Aufsätze von Bruno Gutmann. Hg. von Ernst Jaeschke. Evangelisches Verlags-Werk 1966. 

 

Bruno Gutmann verstarb am 17. Dezember 1966 in Ehingen am Hesselberg, Mittelfranken.

Bei den Wachagga ist Gutmann bis heute populär und wird als Vater und Apostel hoch verehrt, dem sie nicht nur den christlichen Glauben, sondern auch ihre wiedergewonnene kulturelle Identität verdanken. Gutmann hat mündliche Überlieferungen wie Legenden, Geschichten, Märchen und Anekdoten dokumentiert und damit vor dem Vergessen bewahrt. Seine Missionsarbeit war geprägt von Respekt vor der Lebensweise und dem Wertesystem der vorgefundenen Kultur und dem Bemühen, das Christentum in die vorgefundenen Strukturen und Denkmuster hinein zu vermitteln. 

Gutmann beherrschte die Sprache der Wachagga bis in ihre Nuancen. Er übersetzte das Neue Testament und schrieb ein Liederbuch für die Gemeinde. 

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland schrieb er eine Reihe von Büchern über die Wachagga, die bis heute wegweisend sind. 

Ausgangspunkt von Gutmanns ethnologischen und missionstheologischen Überlegungen waren die „urtümlichen Bindungen“ , die nach seiner Beobachtung die Gemeinschaft der Wachagga strukturierten, in Gestalt von Familien- oder Sippenverbänden, Nachbarschaften und Altersgruppen. Diese „urtümlichen Bindungen“ sind letztlich Schöpfungsordnungen, also gottgegeben und für Gutmann ein unbedingt erhaltenswertes bzw. weltweit wieder anzustrebendes Strukturprinzip der menschlichen Gesellschaft. Der Einzelne, dessen Beziehungen, Rechte und Verpflichtungen gegenüber anderen Mitgliedern der Gemeinschaft durch jahrhundertealte Übereinkünfte festgelegt sind, lebt nach diesem Konzept in, durch und für die Gemeinschaft. Nach Gutmann sind diese tiefen zwischenmenschlichen Verbindungen auch für den christlichen Glauben und damit für den Gemeindeaufbau von zentraler Bedeutung. Wie vor ihm schon Karl Graul möchte Gutmann die Gemeinde nicht aus einzelnen bekehrten Individuen aufbauen, sondern eine echte Volkskirche aus Dorfgemeinschaften, Familien und Alterskameradschaften schaffen, in der die urtümlichen Bindungen nicht nur erhalten bleiben, sondern eine wichtige Rolle spielen für das Wachsen des Glaubens an Jesus Christus und die Stabilität der Gemeinde. Als eine miteinander verbundene Gemeinschaft werden die Menschen zu Gottes Freiheit gerufen. 

Es liegt auf der Hand, dass Gutmann, der das Strukturprinzip der gewachsenen Bindungen in der Chagga-Kultur bewahren wollte, die Einflüsse und Anforderungen des Kolonialismus wie der westlichen „Zivilisation“ insgesamt als zerstörerisch ansehen musste. Mit der Zivilisation verbunden ist für Gutmann das Übel der Individualisierung, das Proletarisierung, Isolation und die Dominanz materieller Werte mit sich bringt. Die gewachsenen, „urtümlichen“ Bindungen und damit die gegenseitigen Verpflichtungen werden aufgelöst und dadurch das Glück des Einzelnen, die Gemeinschaft und schließlich das ganze Volk zerstört. 

Die missionstheologischen, ethnologischen und soziologischen Forschungen Bruno Gutmanns werden bis heute diskutiert und als wegweisend angesehen.

 

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